Cats And Dogs
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Annie, meine Annie...
(† 11.05.2012)


Die Sache der Tiere
steht für mich höher
als die Sorge,
mich lächerlich zu machen.
Sie ist unlösbar verknüpft
mit der Sache des Menschen,
und zwar in einem Maße,
dass jede Verbesserung in
unserer Beziehung zur Tierwelt
unfehlbar einen Fortschritt
auf dem Wege zum
menschlichen Glück
bedeuten muss!


Emile Zola

 

 

 

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Ausgewählter Beitrag

Quentin's Reise



Die Gewissheit, dass es nur der Durchgang durch das Tor in eine andere Welt ist... in einem ohnehin ewigen Leben... diese Gewissheit lässt mich heute still und mit einem Lächeln im Gesicht hier sitzen, und an die vielen verrückten, lustigen, lautstarken, ausdrucksstarken, strapaziösen und kapriziösen Augeblicke im Leben des kleinen verrückten Professor's Quentin denken. Wie kein anderer hat er alles "kommuniziert", was ihm auf dem Herzen - wahlweise auch im Magen, Darm oder Blase - lag. Hunger, Durst, Pipi gehen, Herumgetragen werden wie ein Baby, massiert werden, gebürstet werden... Kralle am linken Vorderfuß zu lang? Haarsträhne über dem rechten Auge 2 mm zu quer? Quentin gab die Tonart an, ich habe die Tasten gedrückt. Manchmal auch die falschen. In dieser Hinsicht war er immer und jederzeit verzeihlich. Neue Ansage, neuer Versuch. Die Antwort auf meine so häufig gedachte Frage "Aber warum denn jetzt DAS?" ist er mir meist schuldig geblieben. Darüber sollte ich mir gefälligst selbst Gedanken machen.

Hatte ich die richtigen Töne getroffen, konnten wir fast alles miteinander machen, was "normale" Hunde mit ihren Menschen können. Quentin torkelte mit mir durch die Wälder, fiel in jedes Loch (Löcher haben gravitätisch extrem anziehende Eigenschaften!), quengelte sich lautstark wieder heraus oder rief einfach direkt ganz laut nach meiner Hilfe, je nachdem, wie seine Einschätzung über Erfolg oder Misserfolg ausfiel. Denn dafür war sich Quentin nie zu schade: um Hilfe bitten, wenn die Aussicht auf Selbsthilfe ohnehin schlecht war.

Er war ein Meister in der Auswahl seines Futters. Inzwischen konnte ich ihn lesen, wie kaum einen anderen Hund, ich wusste genau, wann es Wiener Würste zu geben hat und wann Hähnchenleber, und hatte ich ausversehen doch das falsche Häppchen in der Hand, hat er auch das - mit einer leicht gerümpften Nase sich abwendend - verziehen. Sie weiß es nicht besser...sie ist ja nur ein Mensch... schien es durch seinen kleinen Kopf zu rattern.

Die Ataxie, die Quentin mitbrachte und seine Gangart darauf schließen ließ, dass er eventuell ein ziemliches Alkoholproblem hat, störte uns lange Zeit nicht sonderlich. Immerhin waren wir eingespielt, und Quengel-Quentin sagte ja deutlich, was er will und wann er es will. Einzig in der Ausführung des "Wie" ließ er mir einigen Spielraum und zeigte sich immer und vollkommen vertrauensvoll. Nicht ein einziges Mal hat mich dieser kleine Terrier angeknurrt oder gar nach mir geschnappt.
Er war unwirsch und nicht selten wütend auf seine Behinderung und die Dinge, die er einfach nicht konnte, aber in meinen Händen und Armen war er ausnahmslos ein Engel. Nie hätte er mir auch nur ansatzweise weh getan.

Im vergangenen Winter kam der erste große Einbruch. Ein kleiner Infekt und Quentin lag 14 Tage lang flach. Keinen Schritt konnte er mehr gehen. Irgend etwas in diesem kleinen Kopf ist da passiert. Der Tierarzt ließ meiner Vermutung eines (weiteren?) Schlaganfalls Raum. Er hat sich tapfer heraus gekämpft. Aber die großen Waldrunden konnte er nun schon lange nicht mehr gehen. Der große Garten und "sein" Gartenweg, der akribisch genau abgetorkelt werden musste (sonst war der ganze Morgen gelaufen!), schienen ihm Runde genug zu sein.
Er verlangte jeden Morgen weiterhin seinen Proteinshake (!), ein Überbleibsel aus der "Medikation" dieser Zeit. Natürlich bekam er ihn, wie alles andere auch. Wie oft ist mir das eingefallen, wenn er so unwirsch meckernd irgendwo saß und vorwurfvoll vor sich hin weinte, wie es war, als ich so krank war und keinen Schritt mehr gehen konnte. Es ist so wichtig, dass dann irgend jemand rennt und dir einfach bringt, was du haben willst. Das ist LIEBE!

Vor zwei Wochen dann der erneute Einbruch. Wieder konnte Quentin keinen Schritt mehr laufen. Die Vorderbeine knickten einfach ein, ohne jegliche Kraft. Wieder pullerte er im Liegen, fraß im Liegen, meckerte im Liegen. Ich hab ihn gebeten, mir ein sicheres Zeichen zu geben, wenn er nicht mehr kann und will. Und währen andere Tiere sowas durch Nahrungsverweigerung zeigen, tat Quentin das für ihn Verlässlichste: er sagte lautstark Bescheid. Natürlich, das ist seine Art, warum sollte er in den letzten Stunden seines Lebens plötzlich seine Art zu kommunizieren ändern.

Heute Morgen ist Quentin in meinen Armen durch das Tor nach Hause gegangen. Lautlos.

Danke für alles, was ich mit dir und durch dich und deine unverwechselbare Art, mit Menschen umzugehen, lernen durfte!

Und wenn du irgendwann wiederkommen möchtest, in irgend einem Körper, und sei es nur, um mich herum zu kommandieren: mein Herz ist jederzeit bereit! Denn daraus wirst du ohnehin nicht entlassen, kleiner Quengel-Quentin.

Betty 29.09.2016, 12.34

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Karin aus Bayern

Jeder der ein geliebtes Haustier hat gehen lassen müssen, weiß genau wie man sich fühlt nach so einem Verlust. :traenen

vom 04.10.2016, 10.31
Es gibt keine absolute Grenze, keinen unueberbrueckbaren Graben zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren. Nicht evolutionaer, nicht genetisch, nicht hinsichtlich bestimmter Errungenschaften der Evolution, und auch nicht moralisch. (Roger Fonts)